Rundgang

Der Rundgang ist als Exkursion gedacht und führt zu den Gedenk- und Tatorten der Kindereuthanasie in Leipzig.

 
 
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Stolperschwelle Landesheil- und Pflegeanstalt Leipzig-Dösen (Chemnitzer Str.)

 

Ende 1939, Anfang 1940 beginnen in Deutschland Krankenhäuser und

Kliniken „Fachabteilungen“ für behinderte Kinder einzurichten. Skrupellose Ärzte belügen besorgte Eltern, in den „Kinderfachabteilungen“ gäbe es die modernste medizinische Betreuung für die Kinder. Doch in Wirklichkeit waren es Selektions-Stationen. Wenn eine dreiköpfige Gutachter-Kommission die Kinder zur „Behandlung“ schickte, dann bedeutete das den sicheren Tod. Kinder mit dem Vermerk „B“ in der Akte kamen erst einmal zur Beobachtung in die „Fachabteilung“. Die Euthanasie-Ärzte entschieden dann über ihre „Lebenswürdigkeit“. In der Landesheil- und Pflegeanstalt Leipzig-Dösen – einer Einrichtung zur Behandlung psychisch kranker und behinderter Menschen - wurde am 19. Oktober 1940 eine Kinderfachabteilung unter der Leitung von Prof. Dr. Werner Catel eingerichtet. Die Einrichtung fand im Rahmen einer Ausweitung des Universitätsklinikums Leipzig statt, der Betten für das Euthanasie-Programm fehlten. Während zunächst 35 Betten in Haus B zur Verfügung gestellt wurden, gab es Mitte 1943 in den Häusern B und C insgesamt 192 Betten. Von 1939 bis 1943 wurden in Leipzig-Dösen 624 Kinder ermordet.1Bei einem Bombenangriff wurden am 07. Dezember 1943 die Gebäude des Universitätsklinikums zerstört, daraufhin wurde das Krankenhauswesen umstrukturiert und in diesem Zuge auch ein Großteil der Patientinnen und Patienten aus Dösen in die Anstalt Großschweidnitz verlegt (insgesamt 860 Menschen). In Dösen wurden außerdem 604 Menschen zwangssterilisiert.


Wiese Zittergras und Weg Lebwohl (Friedenspark)

Das satte Grün des Leipziger Friedensparks bedeckt eine schreckliche Geschichte. Unter der knapp 20 Hektar großen Grünanlage liegen die sterblichen Überreste von Opfern der nationalsozialistischen Kindereuthanasie. Auf dem Gelände südöstlich der Leipziger Altstadt wurde 1846 der Neue Johannisfriedhof eröffnet. Bis Ende 1950 fanden hier rund 35.000 Bestattungen statt. Im Jahr 1970 schloss der Friedhof für die Öffentlichkeit. Anschließend entstand auf dem ehemaligen Friedhof eine große Parkanlage. 13 Jahre später, am 20. Juli 1983, wurde der Friedenspark eröffnet. Inzwischen ist bekannt, dass eine große Zahl der in Leipzig zu verzeichnenden Opfer der nationalsozialistischen Kindereuthanasie auf dem ehemaligen Neuen Johannisfriedhof ihre letzte Ruhestätte gefunden haben. Bisher sind die Grabstätten von 78 der rund 330 bislang namentlich bekannten Opfer hier gefunden worden.

2010 Beginn des Baus Mai 2011 Fertigstellung des Gedenkortes

Gedenkort für die nationalsozialistischen Kindereuthanasie-verbrechen - lebendiger Ort der Stille und des Gedenkens Die Einrichtung dieses Gedenkortes bildet einen wichtigen Schritt in der intensiven Recherchearbeit, die den bis dahin unbekannten Opfern einen Namen gibt und bisher verdrängte geschichtliche Hintergründe sichtbar macht.

Es gibt eine schöne Website, die viele Hintergründe, Geschichten zu Opfern und Tätern enthält

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Universitätsklinik Leipzig (Oststraße)

Die Kinderklinik in der Oststraße gehörte zur Universitätsklinik Leipzig und beteiligte sich als einzige Universitätsklinik am nationalsozialistischen Euthanasie-Programm. Eine systematische Tötung erfolgte spätestens seit 1941 in der sogenannten Kinderfachabteilung. Laut dem heutigen Stand existieren keine Dokumente mehr über die „Kinderfachabteilung“ der Universitätsklinik. Nachweislich erhielt allerdings das Personal der Kinderklinik Sonderzahlungen vom „Reichsausschuss zur wissenschaftlichen Erfassung von erb- und anlagebedingten schweren Leiden“.

Die Universitätsklinik wurde ab 1933 vom Neurologen und Psychiater Professor Werner Julius Eduard Catel geleitet, welcher mit zu den führenden Köpfen der Kinder-Mordaktionen zählte. Nach Aufforderung von Hitler, welcher Catel Straffreiheit versprach, tötete der Direktor der Uniklinik am 25.07.1939 das erste Kind in Leipzig. Dieses Ereignis gilt in der Geschichte als Auslöser und Anfang der „Kindereuthanasie“ der Nationalsozialisten.

In seiner Korrespondenz mit dem Reichsausschuss weist Catel unter dem Betreff „Sonderzuwendung zum Jahresabschluß“ auf die vorbildliche Arbeit seiner Mannschaft hin. Nach 1945 hat keiner seiner Mitarbeiter gegen den Chef der Universitätskinderklinik, Professor Werner Catel, ausgesagt.

 

1942 finden an der Universitätskinderklinik Leipzig „Schulungen“ für Ärzte anderer „Kinderfachabteilungen“ statt, um Diagnostik und Tötungsverfahren zu üben. Darunter auch Dr. Hildegard Wesse, später Leiterin der Kinderfachabteilung Uchtspringe, die beobachtete: „... hier scheinen ja alle Ärzte von dem Reichsausschußverfahren zu wissen. Es imponierte mir, daß das Verfahren hier so offen genannt wurde.“ Ab 1943 stimmen die drei Gutachter, die im Reichsausschuss über Leben und Tod der behinderten Kinder entscheiden, ihre Forschungsgebiete ab – und weisen sich die geeigneten Kinder als Forschungsobjekte zu: Professor Catel missbrauchte Euthanasie-Opfer an der Universitätskinderklinik unter anderem für Hirnforschung, Erforschung der Kinderlähmung und Hormondrüseneinpflanzungen bei mongoloiden Säuglingen und Kleinkindern.

Gertrud Oltmanns

Geb. 17.10.1937 gest. 01.05.1943

Gertrud Oltmanns wurde als viertes Kind im achten Schwangerschafts-monat geboren. Sie entwickelte sich in den ersten Lebensjahren langsam, was aber dem diagnostizierten „Mongolismus“ (Trisomie 21) entsprach.

Getrud war mit aller Selbstverständlichkeit und Geborgenheit in das Familienleben integriert. Vermutlich hatte die befreundete Kinderärztin, Frau Dr. Teichmann, die Meldung des Kindes als „schwachsinnig“ bisher verhindert. Durch die amtsärztlichen Schuluntersuchungen war dies nicht mehr zu umgehen. Die Eltern wurden unter Druck gesetzt, Gertrud in eine Anstalt zu geben. Sie folgten der Empfehlung, ihre Tochter für eine Diagnose bei Prof. Catel in der Kinderklinik der Universität Leipzig vorzustellen. Catel hatte den Eltern Hoffnung gemacht, durch Röntgenstrahlen das Gehirn der kleinen Gertrud zum Wachsen anzuregen. Die drohende Anstaltsunterbringung, die die Mutter ganz ausdrücklich ausschloss, ließ sie ihre Einwilligung zu diesen angeblich medizinischen Versuchen geben. Es ist zu vermuten, dass Gertrud Oltmanns am 30. April 1943 eine Injektion erhielt, die ihr am 1. Mai 1943 im Alter von 5 Jahren den Tod brachte. Wenige Tage darauf, am 8. Mai 1943, wird sie im engsten Familienkreis auf dem Friedhof in Wahren beigesetzt.


Ostfriedhof:

zentraler Gedenkort der Euthanasieopfer am Nebeneingang Oststr. Offizielle Gedenken an die Opfer der Euthanasie jährlich am 08.05.

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Wohnhaus von Werner Catel (Kickerlingsberg 12)

Prof. Dr. Werner Julius Eduard Catel (17.06.1894 – 30.04.1981) war als Direktor der Universitätskinderklinik tätig und galt als einer der Initiatoren der Kindereuthanasieverbrechen. Neben seiner ärztlichen Tätigkeit in Leipzig arbeitete er auch für die Universität Berlin und war einer von drei Gutachtern im „Reichsausschuß zur wissenschaftlichen Erfassung von erb- und analgebedingten schweren Leiden“. Catel wurde 1945 als Klinikdirektor in Leipzig entlassen, arbeitete aber ab 1947 als Leiter der Tuberkulosekinderheilstätte Mammolshöhe/Taunus. Der Pädiater Rudolph Degkwitz zeigte ihn 1949 an, doch Catel wurde vom Landgericht Hamburg freigesprochen. Auch nach einer zweiten Anzeige 1960 wurde er nach erneuten Ermittlungen nicht belangt. Ab 1954 hatte Catel die Professur für Kinderheilkunde an der Universität Kiel inne, die er auf intensiven öffentlichen Druck 1960 räumte. 1974 veröffentlichte er eine Biografie, in der er sich als Gegner des Nationalsozialismus darstellte. Bis zu seinem Tod 1981 in Kiel konnte er juristisch unbehelligt leben.

Prof. Dr. Werner Catel war weiterhin ein angesehener, wenn auch umstrittener Wissenschaftler, bis er 1960 seinen Lehrstuhl an der Universität Kiel räumte. Noch im Jahr 1964 schrieb „Der Spiegel“: „Als Professor für Kinderheilkunde besitzt Werner Catel europäischen Rang. Sein dreibändiges Werk ‚Differenzialdiagnose von Krankheitssymptomen bei Kindern und Jugendlichen’ gilt als eines der

modernsten des Fachgebietes. ‚Die Pflege des gesunden und kranken Kindes’, mittlerweile in achter Auflage und ebenfalls in mehreren Sprachen, ist das deutsche Standard-Lehrbuch für die Schwestern-Ausbildung.“ (Der Spiegel, Aus Menschlichkeit töten?,

(Heft Nr. 8, 17. Februar 1964)

CATEL: „Ich bin wirklich überzeugt, daß sich eines Tages die Humanitas auch hier durchsetzen wird. Man wird erkennen müssen, daß es menschlicher ist, die idiotischen Kinder von ihrem Unglück zu erlösen als sie zur Qual für ihre Angehörigen vegetieren zu lassen.“

„Hier ist die Rede nicht von Menschen, sondern von Wesen, die lediglich von Menschen gezeugt wurden, die aber selber keine mit Vernunft oder Seele begabten Menschen sind oder je werden können.“

„Im Falle der idiotischen Kinder ist das Irrtumsrisiko auf den Nullpunkt heruntergesetzt. Verstehen Sie mich recht, die Vollidiotie, und nur die kommt ja in Frage, ist organisch bedingt und schlechterdings irreparabel. Da gibt es keine Therapien.“

„Ich kann nicht sonderlich viel Achtung für Kollegen aufbringen, die mit großer Lautstärke von Humanität und Lebenserhaltung sprechen und die gleichzeitig die Verzweiflung in den Familien mit einem idiotischen Kinde nicht sehen oder nicht sehen wollen. Wissen Sie, was es heißt, eine Mutter, die mit ihrem vollidiotischen, absolut unheilbaren Kind wieder und wieder in die Sprechstunde kommt, mit Phrasen zu trösten, die Untersuchungen zu liquidieren – und weiter keinen Finger zu krümmen.“

„Freilich trifft auf die Maßnahmen, die ich für richtig halte, der Begriff ‚Euthanasie’ eigentlich gar nicht zu. Und das, was ich fordere, hat auch mit dem, was die Verantwortlichen im Dritten Reich als Euthanasie ausgaben, nichts zu schaffen.“ Zitate aus: Der Spiegel, Aus Menschlichkeit töten?, Heft Nr. 8, 17. Februar 1964, S. 41 ff.


Sächsisches Psychiatriemuseum

Ein Projekt der Vereins Durchblick e.V., das die Psychiatrie als Teil der Kultur- und Sozialgeschichte Sachsens zeigt. Neben einer Dauerausstellung, die die Lebensgeschichten von Patienten, Biografien von Psychiatern und die Entstehung von psychiatrischen Institutionen thematisiert, werden Sonderausstellungen angeboten und Stadtrundgänge veranstaltet. Auch die „Wiese Zittergras“ ist ein Projekt des Museums. Die Ausstellung kann durch Audioführer sowie Begleitmaterial in Großdruck und Braille-Schrift begleitet werden.

Öffnungszeiten: Mittwoch-Samstag von 13-18 Uhr

 

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Städtisches Kinderheim (Bernhard-Göring-Str.152)

Zur wechselvollen Geschichte des Gebäudes "Haus der Demokratie Leipzig" gehört auch, dass von hier aus Kinder in die "Euthanasie"-Anstalten der Nationalsozialisten gebracht wurden. Das 1901 als Waisenhaus errichtete Gebäude in der damaligen Elisenstraße 152 war von 1929 bis zu seiner teilweisen Zerstörung 1943 ein städtisches Kinderheim. Nach bisherigen Recherchen wurden sechs der durch das Jugendamt Leipzig in Obhut genommenen Kinder in die sächsischen „Heil- und Pflegeanstalten“, in denen Patienten euthanasiert wurden, gebracht. Das heutige „Haus der Demokratie“ wurde 1901 als Waisenhaus errichtet. Ab 1932 war es ein städtisches Kinderheim, welches 1943 auf Grund seiner teilweisen Zerstörung geschlossen wurde. In der nationalsozialistischen Zeit, wurden auch Kinder aus diesem Heim in die „Euthanasie“- Anstalten verlegt.

Harri Arnold (16 Jahre)

geb. am 13.02.1928 in Leipzig-Gohlis gest. 31.08.1944

Amtliche Todesursache: Epilepsie

Harri Arnold litt an epileptischen Anfällen seit Kindesalter an. Er wohnte vom 30.04.1940 bis 12.03.1942 im anthroposophischen Kinderheim in Pirna-Bonnewitz, welches von der Staatspolizei 1942 geschlossen wurde. Daraufhin kam er am 13.03.1942 in das Kinderheim in der ehemaligen Elisenstraße 152. Nach einem kurzzeitigen Aufenthalt wurde er am 02.04.1942 in die Kinderfachabteilung in Leipzig-Dösen verlegt, nach deren Bombardierung im Dezember 1943, kam Harri nach Großschweidnitz. Dort wurde er am 31.08.1944 ermordet.

Robert Hutterer (6 Jahre)

geb. am 13.08.1936 in Leipzig gest. am 07.06.1943

Amtliche Todesursache: Schwachseinszustand, Grippe mit Beteiligung der Atmungsorgane)

Robert Hutterer lebte im Kinderheim in der damaligen Elisenstraße 152. Am 18.08.1941 wurde er in die „Kinderfachabteilung“ nach Leipzig-Dösen verlegt, wo er am 07.06.1943 ums Leben kam.

Martin Nagel

geb. am 13.08.1933 in Leipzig

Martin Nagler kam am 16.05.1941 in das Kinderheim in der damaligen Elisenstraße 152. Im anschließenden Herbst wurde er in die Kinderfachabteilung Leipzig Dösen eingewiesen. Am 07.12.1943 wurde er mit allen Kindern aus der Kinderfachabteilung in die Landesheil- und Pflegeheilanstalt Großschweidnitz verlegt. Am 07.05.1945 wurde er aus der Anstalt im Alter von 12 Jahren entlassen. Martin Nagel überlebte das „Euthanasie“ Verbrechen, allerdings verlor sich seine Spur anschließend.

Quelle: http://www.stolpersteine-leipzig.de/index.php?id=322 Recherche: Petra Seyde

Harry Zanger (8 Jahre)

geb. 26.03.1936 in Leipzig gest. 02.08.1944

Amtliche Todesursache: eitrige Bronchitis

Ab dem 10.04.1940 lebte Harry Zanger in verschiedenen Kinderheimen, darunter auch im Kinderheim in der damaligen Elisenstraße 152.